Ein Beitrag von Birke Opitz-Kittel 

Das Thema Missbrauch im Zusammenhang mit Autismus/Behinderung ist mir besonders wichtig, weil gerade behinderte Menschen leichter und öfter Opfer von Missbrauch werden.

Was genau versteht man unter Missbrauch?

Es gibt verschiedene Formen des Missbrauchs und darunter fällt nicht nur die sexuelle Gewalt, sondern beispielsweise auch der seelischen Missbrauch, bei dem der Missbrauch nur mit Worten stattfindet, aber auch der „sanfte“ Missbrauch, indem dem Kind die Liebe entzogen wird.

Viele dieser Missbrauchsfälle geschehen nicht durch einen Täter von außen, sondern durch einen Täter aus dem Familienkreis, beziehungsweise durch Menschen, die die Opfer betreuen und von dem das Opfer in gewisser Form abhängig ist.

Diese Abhängigkeit ist gerade bei behinderten Menschen das fatale, denn die Fähigkeiten sich zu wehren ist bei ihnen meist nicht nur körperlich besonders eingeschränkt. Zunächst einmal vertrauen sie ihrer Bezugsperson und glauben womöglich, dass ihre Wahrnehmung nicht stimmt. Andererseits ist es so, dass sie durch Zuwendungsentzug oder sogar durch Gewalt gezwungen werden, dem Täter zu gehorchen. Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt, denn es gibt gerade im Autismusbereich Therapien, die genauso arbeiten und dabei ist es egal ob mit Strafe oder Belohnung gearbeitet wird: wenn dem Kind so beigebracht wird, dass es bedingungslos zu gehorchen hat und keinen eigenen Willen haben darf, so wird es sich auch nicht gegen den Missbrauch wehren können, denn es ist ja normal, dass übergriffig gehandelt wird.

Auch wenn der behinderte Mensch sich nach außen öffnet sind die Chancen gering, dass ihm geglaubt wird, denn viele Menschen schauen lieber weg, als sich für sie mit eventuellen negativen Konsequenzen auseinanderzusetzen.

Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass man mir nicht geglaubt hat und die Stelle an die ich mich gewandt habe, war sogar der Kinderschutzbund. Man sagte mir allen ernstes, dass es doch sein könne, dass mein Bericht nicht stimmt und dann das Leben eines Mannes ruiniert werden würde. Das hat mich sehr desillusioniert.

Trotzdem kann Schweigen nicht die Antwort sein und sich nach außen zu wenden, fremde Menschen anzusprechen, sei es bei der Polizei, Wildwasser e.V. und anderen zuständigen Stellen, ist nötig – aber gerade für Autisten sehr schwierig.

Daher meine Bitte an die Eltern von behinderten Menschen: schaut nicht weg, achtet darauf, ob sich das Verhalten des Kindes oder des erwachsenen behinderten Menschen sich ändert. Wenn ihr misstrauisch werdet, dann geht dem nach und für mich das Wichtigste: überschreitet selbst keine Grenzen. Diese ist für mich schon überschritten, wenn man ein Kind zwingt, ein Bussi auf die Wange zu geben. Akzeptiert, wenn das Kind Berührungen nicht zulassen möchte. Zwingt es nicht, bedingungslos zu gehorchen. Erklärt ihm, dass der Körper ihm gehört und kein Mensch damit etwas machen kann, was es selbst nicht will. Das ist besonders schwierig, wenn Kinder mehr Pflege bedürfen und angefasst werden müssen – aber auch in diesen Fällen bitte nicht einfach immer wieder über Grenzen gehen.