Ausfall von Bezugspersonen

Ein Beitrag von Birke Opitz-Kittel 

Sehr häufig lese oder höre ich davon, welche Sorgen sich Eltern machen im Hinblick darauf, dass sie ihr autistisches Kind irgendwann nicht mehr versorgen können.

Aber wie ist es für einen Autisten, dessen Bezugsperson plötzlich wegfällt? Diese sehr unschöne Erfahrung musste ich letzte Woche machen.

Mein Mann ist plötzlich erkrankt und die einzig logische Konsequenz darauf war die Einweisung in ein Krankenhaus. Dies wollte er selbst zunächst nicht, wahrscheinlich weil ihm sehr wohl bewusst ist, was das für mich bedeutet. Er ging erst, als meine älteste Tochter und ich erklärten, ihn hinzubringen. Schon hier war ich auf meine älteste Tochter (18 Jahre) angewiesen, denn alleine hätte ich die Situation nicht bewältigen können.

In meinem Fall muss man sich das so vorstellen: mir steht ein bestimmter „Kraftvorrat“ zu Verfügung – aufladen gibt es nicht. Diesen muss ich sehr sorgsam einteilen. Beispielsweise habe ich große Schwierigkeiten mit der Orientierung. Müsste ich irgendwo alleine hingehen, dann würde ich sicherlich auch irgendwie angekommen, aber dann bleibt nicht mehr viel Kraft für andere Aufgaben. Im schlimmsten Fall schaltet mein Körper einfach ab. Je mehr man mir abnimmt, desto mehr kann ich andere Dinge tun, wie beispielsweise an Sitzungen teilzunehmen oder Vorträge zu halten.

Nun musste ich also meinen Mann mit meiner Tochter ins Krankenhaus bringen, welches glücklicherweise nur eine Straße weiter ist. Wir haben hier gerade Grippe-Zeit und unser Krankenhaus ist übervoll – die Patientin liegen schon auf den Gängen. Normalerweise würde mich niemand mit diesem Wissen in die Notaufnahme hinbekommen – ich habe viel zu sehr Angst davor, selbst krank zu werden, denn Arztbesuche sind für mich der schlichte Horror. Ich ertrage es nur schlecht angefasst zu werden, kann meine Beschwerden nicht adäquat äußern und überhaupt bin ich bei Ärzten oft mutistisch – sind sie doch völlig unberechenbar und machen Dinge, ohne sie vorher gründlich zu erklären oder vorzubereiten. Wie selbstverständlich überschreiten sie Grenzen.

Aber diesmal musste es sein – die Angst um meinen Mann brachte mich dazu, über meine Grenzen zu gehen. Schon bei der Anmeldung war klar, dass er würde bleiben müssen – wir mussten aber noch auf einen Arzt im Wartebereich warten. Dann wurde er aufgerufen und wie immer lief ich hinter ihm her, doch ein Pfleger rief mit strenger Stimme: „Halt“ Stehenbleiben! Nur der Patient darf mitkommen!“ Hilflos schaute ich zu meiner Tochter und sie klopfte neben sich auf den Sitz. Okay, für den Moment konnte ich das zulassen – ich war nicht alleine. Aber dann kam der strenge Pfleger zurück und rief uns zu, dass nun eine Person dazukommen dürfe – der Patient müsse noch eine Weile in der Aufnahme liegen. Ich lief sofort auf ihn zu und flatterte mit den Armen – denn jetzt war ich außer mir. Alleine einem fremden Menschen in einer fremden Umgebung zu folgen und dann zu Wissen, dass ich nicht mehr herausfinden würde – unmöglich für mich zu verkraften. Kurz bevor ich mit meinen Erklärungen ansetzen konnte – die in diesem Moment bestenfalls skurril ausfallen würden, stufte der Pfleger meine Tochter glücklicherweise noch als „Kind“ ein und brummte, dass sie auch mitkommen dürfe. Er brachte uns zu meinem Mann, nicht ohne uns zu befehlen, nicht herumzulaufen. Wäre ich alleine gewesen, hätte ich mir große Gedanken gemacht, wie weit dieses „herumlaufen“ geht. Muss ich die ganze Zeit stehenbleiben und darf ich überhaupt wieder aus dem Zimmer laufen? Aber ich war ja nicht alleine, meine Tochter lief neben mir geradewegs auf das Bett meines Mannes zu.

Jetzt ging es erstmal um ihn und seine Werte waren extrem schlecht. Ich konnte also nicht noch mit meinen Sorgen kommen, denn die kreisten schon darum, wie es weitergehen würde. Nach einiger Zeit wollten meine Tochter und ich gehen und als der Pfleger vorbeikam fragte ich ihn, ob wir nach Hause gehen dürfen. Den Blick konnte ich nicht deuten, aber er sagte: „Klar, sie waren schon lange genug da!“ Ich wollte ihn noch fragen, wo es denn hinaus geht, aber da war er schon wieder weg. Meine Tochter packte mich an der Hand und führte mich hinaus.

Als wir zuhause ankamen, war es schon später Abend. Ich war so aufgeregt, dass ich nicht zur Ruhe kommen konnte. Meinem Mann fehlten für den Klinikaufenthalt einige Dinge und ich überlegte hin- und her, wie ich diese zu ihm bringen könne.

Am nächsten Morgen waren meine ganzen Rituale dahin und überhaupt – mein Mann übernimmt im Haushalt einige Dinge und ich war außer mir, ob ich diese überhaupt hinbekommen u würde. Beispielsweise füttert er die Tiere. Was wäre, wenn ich dies vergessen würde und sie würden beispielsweise verdursten? Außerdem bereitet er immer die Kaffeemaschine vor – eine banale Tätigkeit, ich weiß – aber mich bringt es durcheinander, wenn es nicht jeden Morgen so ist, wie ich es gewöhnt bin.

Dann war da das Problem mit den Dingen, die mein Mann im Krankenhaus noch brauchte, unter anderem ein Medikament, was dort nicht vorrätig ist und welches er sich spritzen muss. Als meine Tochter später von der Schule nach Hause kam, erklärte sie sich natürlich bereit, mit mir wieder in das Krankenhaus zu laufen – aber sie müsse erst noch lernen. Wieder wurde mir bewusst, wie abhängig ich bin…

Später im Krankenhaus kamen wir an im Flur liegenden Patienten vorbei. Ich zwang mich nicht daran zu denken, wie es mir in dieser Situation gehen würde. Wahrscheinlich müsste man mich sedieren. Auch die Situation meines Mannes, der inzwischen in einem Zimmer untergebracht war, war für mich ein schierer Albtraum. Neben ihm lag ein bewusstloser Mann, der ständig röchelte und sich in seine Situation hineinzuversetzen – er wurde sogar über eine Sonde ernährt – war für mich fast schon Zuviel. So war ich richtig froh, als eine Krankenschwester nach einer Weile kam und uns „hinauswarf“.

Ein paar Tage später durfte mein Mann glücklicherweise nach Hause.

Ich hoffe, dass ich einen kleinen Einblick in meine Gefühlswelt vermitteln konnte. Es ist überhaupt nicht schön, so abhängig zu sein und ich hoffe, dass sich immer Menschen finden werden, die mir so selbstverständlich helfen, wie es meine Tochter macht.

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